Freitag, 5. November 2010

[Kreativ gesehen] 1 - Gestaltungsmittel der Kamera


In "Kreativ gesehen" werden in lockerer Folge praktische Beiträge rund um die Fotografie erscheinen. Im ersten Teil geht es um ein anderes Verständnis der Kamera. Die drei grundlegenden Elemente verstehe ich als Gestaltungsmittel. Das hilft beim Fotografieren die richtige Einstellung zu finden.

Verschlußzeit = Darstellung von Bewegung

Das Tempo mit dem der Verschluss vor dem Film oder dem Sensor öffnet und wieder schließt bestimmt wie ein bewegtes Motiv abgebildet wird. Mit der kurzen 1/500sec. scheint der Airbus (Bild links) in der Luft zu stehen. Wie schnell der Flieger tatsächlich war ist dem Bild nicht anzusehen.

Das einem im "Breakdancer" (Bild rechts) schlecht werden kann zeigt sich bei einer langen Verschlusszeit. Alles was sich bewegt erscheint verwischt und schemenhaft. Eine 1/8sec. konnte hier - dank Bildstabilisator - aus der Hand fotografiert werden und ist nicht verwackelt. "Verwackeln" ist ja auch nur eine Bewegung. Wäre die Bewegung hier eingefroren würde das Bild nicht die gewünschte Wirkung haben.
Die Entscheidung wie ich die Bewegung festhalten möchte nimmt mir keine Automatik ab, ich muss selbst wählen. Aber die Wahl zwischen verschiedenen Motivprogrammen ist durchaus möglich. Das Sportprogramm, z.B. hält die Verschlusszeit kurz. Die Einstellung Nacht führt dagegen zu langen Belichtungszeiten.

Mitziehen: auch die Kamera lässt sich bewegen. Warum nicht einmal eine längere Verschlusszeit (z.B. 1/30sec.) wählen und mit der Kamera das bewegte Motiv verfolgen. Die Effekte werden durchaus interessant. (Bild links)




Blende = Steuert die Schärfentiefe

Die Blende im Objektiv dient natürlich, wie auch die Verschluss der Belichtungsregelung. Ein Effekt der Blende ist jedoch auch zu beeinflussen wie weit die Schärfe in die Tiefe des Bildes geht. Damit kann ein Motiv (Bild links) vom Hintergrund hervorgehoben werden. Gleichzeitig verschwinden störende Bildelemente oder verlieren wenigstens an Gewicht.
Die Blendenwerte (4 - 5,6 - 8...) sind eigentlich Brüche (also 1/4 - 1/5,6 - 1/8) und bezeichnen die Größe der Blendenöffnung. Eine Blende 16 ist also eine kleine Blende(nöffnung) und eine Blende 2 (=1/2) eine große. Eine große Blende führt zu weniger, eine kleine Blende zu mehr Schärfentiefe. Das Porträt muss also mit einer großen Blende fotografiert worden sein.

Eine große Schärfentiefe ist besonders in der Landschafts- und Architekturfotografie beliebt. Jedes Detail wird sichtbar. Ein Grund bei der Wahl des Ausschnitts im Sucher oder auf dem Display besonders gut auf störende Elemente zu achten. Mit Blende 16 wurde das Londoner House of Parliaments (Bild rechts) samt Clocktower scharf.
Auch wenn sich ein Motiv bewegt ist eine große Schärfentiefe manchmal hilfreich, z.B. wenn Kinder durch den Garten rennen und ständig die Richtung wechseln.

Brennweite = Verdichtung und Weite
Wenn wir am Zoomring des Objektivs drehen oder Tasten "W" und "T" an der Kompaktkamera benutzen passiert mehr als wir vielleicht denken. Profis kennen sich mit den Tricks bei der Wahl der Brennweite bestens aus und täuschen uns nur zu gern. Harrison Ford rennt scheinbar direkt vor dem verfolgenden LKW. Kein Problem, denn das Teleobjektiv lässt Distanzen im Bild kürzer erscheinen. Das gebuchte Zimmer im Hotel sah im Katalog viel größer aus. Auch kein Problem, denn mit einem Weitwinkel wirken die Entfernungen größer.

Kleine Preisfrage: wie lang ist die Lok auf dem Bild links? Einmal auf das Bild klicken und dann schätzen, bitte. Mit einem 300mm Tele schrumpft auch diese Lok zusammen, obwohl sie mit 19,60m länger als ein LKW mit Anhänger ist. Die Tele-Perspektive rafft also zusammen oder wie Kameraleute beim Film sagen, sie verdichtet. Dinge im Hintergrund wirken größer und dichter dran.
Schärfentiefe und Brennweite: Je größer die Brennweite, desto kleiner ist die Schärfentiefe. Je geringer der Abstand zum Motiv, desto geringer ist auch die Schärfentiefe.
Der Weitwinkel (kleine Brennweite) lässt entfernte Dinge viel kleiner erscheinen. Das suggeriert Weite, wie im Bild unten. Dinge im Vordergrund wirken dann manchmal zu groß. Im Extremfall geraten die gewohnten Proportionen aus den Fugen. Dann wirkt die Nase im Gesicht plötzlich riesig und wahnsinnig lang. Mit 17mm Brennweite kommt der Bremer Unisee groß raus, das gegenüberliegende Ufer wirkt nicht störend und das Hauptgewicht liegt auf der Braut im Wasser an einem kühlen Oktobertag.

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Nächste Folge: Was machen eigentlich Motivprogramme?