Freitag, 15. Mai 2015

[kreativ gesehen] 13: Sehnsucht nach Vermissen

Dies wird ein sehr persönliches [kreativ gesehen]. Mein Magen verhinderte heute einen längeren Ausflug. Auf der Suche nach etwas zum Lesen, um der Langeweile entgegen zu wirken, entdeckte ich ein altes GEOspecial. Vor 33 Jahren erschien die Ausgabe "Fotografie." Das Heft hat alle Ausmistaktionen überlebt. Die Beiträge der Magnum-Fotografen Ernst Haas und Erich Hartmann, hielten mich immer davon ab das Heft zu entsorgen. Auf den letzten Seiten des Heftes stellen GEO-Fotografen vor womit sie arbeiteten. Und gleich vorne an, meine geliebten Contax-Kameras. Auch damals in der Zeit vor dem Auto-Fokus (1982 brachte Pentax das erste TTL-AF-Objektiv auf den Markt) ein Exot, aber mein großer Traum. Und um das Träumen soll es in diesem Beitrag gehen. Wovon träumte ich? Und was faszinierte mich so sehr an der Fotografie? Und wer begeisterte mich?

Artikel über die Kameraausrüstungen von GEO-Fotografen (special Fotografie, 1982)
Meine erste Kamera bekam ich zu meinem zehnten Geburtstag. Eine Agfa für 126er Kassetten (12 Bilder, 24x24mm). In einer topmodischen Jeanstasche. OK, das war 1971 und meine Haare noch hellblond und länger werdend. Nun brauchte ich nicht mehr um die Kameras meiner Eltern zu betteln. Ruhe hatten sie trotzdem nicht. 12 Bilder? Die waren schnell gemacht, zu schnell.  Der rasende Reporter steckte da wohl schon in mir. Weil der Verwandschaft meine Bilder gefielen, bekam ich Geld zum bestandenen Abitur und kaufte meine erste Spiegelreflex, eine Yashica FR II davon. Es war die zweitbeste Lösung, denn die teurere Contax mit Zeiss-Optik konnte ich nicht bezahlen. Immerhin hatten beide Kameras den gleichen Objektivanschluß und fast das gleiche technische Innenleben. Denn beide Marken wurden von Yashica produziert. Nur klebte an meiner Kamera nicht der große Glanz der großen Marke. Ein typisches Phänomen unter Amateuren, die Qualität eines Fotografen nach dem Equipment zu beurteilen.

Zwei meiner Yashicas, beide (üb)erlebten Ecuador.
Die Contax blieb ein Traum, fünf Yashica-Gehäuse verschliss ich dafür in den Jahren 1980 bis 1999. Ja, das waren die Zeiten vor dem Pixelwahn und - gefühlt - täglicher neuer DSLRs. Vom "Amateur-Silber" der FR II wechselte ich zum "Profi-Schwarz" der FR I. Damit war ich bei den inneren Werten der Kamera bei meinem Traum angelangt. Der Objektivpark wuchs, von 20 bis 200mm war alles vorhanden, natürlich nur Festbrennweiten, wegen der Qualität. So hatte ich es auch aus dem alten GEOspecial gelernt. Mit Windern (Motoren zum Filmtransport), Blitzen, Stativ wurde ordentlich aufgerüstet. Die Fototasche wog immer mehr. Und die Profis? Die ließen im Heft lesen, dass sie eher mit wenig Gepäck "wie ein Tourist" reisen. Ein Weitwinkel, ein Makro, ein leichtes Tele genügten den Meisten. Auch ich wurde klüger und speckte die Kilos in meiner Tasche ab. Mit meiner ersten AF-Kamera im Jahr 2000 zogen auch Zoom-Objektive in die Ausrüstung ein.

Buchtitel
Doch mal weg von der Ausrüstung. Viel beeindruckender waren die Bilder. In 39 Bildern begründeten 39 Fotografen, warum sie auf den Auslöser gedrückt haben. Und die Bildern fesseln, auch heute noch. Aber kein Wort verlieren sie über die Technik. Doch ich wusste, dass ich so tolle Bilder auch machen wollte.
Sehr beeindruckt hatten mich in dieser Zeit die Bilder von Max und Hilla Jacoby. In einer Kirchenzeitschrift hatte ich zunächst ihre Israel-Fotos entdeckt. Die Beiden arbeiteten damals für hauptsächlich für große Magazine wie den Stern, bedienten aber auch kleinere kirchliche Herausgeber. Ihre starken Portraits und Landschaftsbilder machten mir Lust es ihnen gleich zu tun. Also schickte ich eine Auswahl meiner Bilder an genau diese Kirchenzeitung und plötzlich wurden meine Bilder neben ihren abgedruckt. Einmal zumindest. Reisen, Menschen kennenlernen, das Leben dokumentieren. Das war zunächst der größte Reiz beim Fotografieren für mich. Der wurde noch gesteigert, als Max und Hilla eines Tages zufällig neben mir in einem Café standen und wir ins plaudern kamen. Über das Leben, Menschen, Bilder, aber nicht über die Technik. Warum auch?

Erste Versuche selbst eine große Reise festzuhalten, waren vom Budget stark eingeschränkt. 12 Filme mussten für drei Monate Ecuador reichen. Später erlag ich dem "Charme" glattgebügelter Agentur-Fotos, aber nur kurz. Die Schwarzweiß-Modefotos von Peter Lindbergh holten mich zu meiner Art der Fotografie zurück. Lindbergh hat in seinen Aufnahmen immer etwas echtes, unverstelltes, natürliches. Konzentriert ohne Farbe. Zwar faszinierte mich die Mode, fotografisch fand ich jedoch keinen Zugang zu ihr. Mein damaliger Wohnort Neukölln war nicht gerade ein Zentrum der Glamourwelt. Heute ist es dort ganz anders. War wohl zu früh da oder weg. Immerhin schwemmte die Maueröffnung günstiges Filmmaterial nach Westen. Die ORWO-Filme verschleuderte man für 50 Pfennige. So wurden die Jahre nach 1989 ziemlich Schwarzweiß. Auch die ersten Bilder der Kinder. Mit dem Niedergang der Ostindustrie kam wieder die Farbe.

Lehrbücher von Andreas Feininger aus den 1930er und 40er Jahren.
Professionell arbeitete ich bis dahin nicht. Was veröffentlicht wurde lief eher unter Ehrenamt. Geld gab es keins. In dieser Zeit verlor ich mehrfach die Lust an der Fotografie. Immer wieder geweckt wurde das Interesse dann durch Lehrbücher von Andreas Feininger. Zugegeben leicht zu lesen sind seine Bücher heute nicht, aber er war ein Meister der Gestaltung. Doch Regeln sollten bei ihm nicht für sich selbst stehen, sondern dienten der Aussage des Bildes. Was kann ein Fotograf besseres lernen. Feininger mochte nicht gerne Menschen fotografieren, er ging ganz in der populären Wissenschaftsfotografie für Magazine auf. Und damit wären wir wieder bei meinem alten GEOspecial. Geschichten erzählen, das fasziniert mich bis heute im Bild. Egal ob Landschaft oder Portrait. Egal mit welchem Werkzeug. Auf meinem Tisch liegt heute neben dem Magazin eine Contax mit Zeiss-Optik. Kein Autofokus und kein Schnickschnack. Ich vermisse nichts. Mit ihr macht mir es heute den meisten Spaß. Ja, kein Fotograf ohne Technik-Liebe.