Montag, 29. Juni 2015

[kreativ gesehen] 14: "Des Laien Spielzeug ist des Profis Werkszeug"

Zugegeben: die Überschrift ist geklaut. Aus einem alten Geo-Magazin von 1982. Die Kollegen mögen Nachsicht haben. Magnum-Fotograf Erich Hartmann philosophierte damals darüber warum er was, wann braucht oder auch nicht. Und genau dort liegt der Unterschied zwischen Amateur und Profi.
Immer wieder hört jeder Fotograf und Foto-Trainer die gleichen Fragen: "Welche Kamera ist die Beste?" "Soll ich dieses Objektiv kaufen?" "Vollformat ist doch besser, oder?" Und so mancher Amateur schleppt viele Kilos an Ausrüstung mit in den Urlaub, zum Frust von Partnern und Familie.  Hobby-Fotografen sind in der Tat derweil besser ausgerüstet, als viele Profis.

Profis denken vom Endprodukt und vom Kunden her

Auf einer kleinen Tour durch den Hafen traf ich kürzlich einen Architektur-Fotografen und einen Kollegen einer Nachrichtenagentur. Schnell waren wir beim Thema Ausrüstung. Für den einen sind spezielle Objektive wichtig, für den anderen die Robustheit seiner Ausrüstung. Der eine kommt mit (lächerlichen) 12 Megapixeln für den Zeitungsdruck locker aus, der andere braucht für große Drucke deutlich mehr. Der eine braucht eine Kamera die ihn auch bei Starkregen nicht im Stich lässt, der andere fotografiert sowieso nur bei Sonnenschein. Der eine muss seine Reportagen auch "mit ohne" Licht hinbekommen, der andere braucht viel Schärfe und die Blendenskala beginnt für ihn erst bei 8. Mit 30 kg Ausrüstung auf dem Rücken würde jeder Reporter zur lahmen Ente. Und welche Kamera ist nun die Beste? Welches Objektiv das Richtige? Der Zweck beantwortet die Frage schnell. Und das sind die Fragen, die sich Profis stellen. Studio oder Outdoor oder beides? Portraits oder Reportage oder beides? Magazin oder Plakat oder Internet? Und wie lange hält das Ding? Und wie gut und vor allem, wie schnell ist der Service? Kann ich in meiner Stadt dafür auch Zubehör mieten? Gibt es die nötigen Objektive?

Amateure wollen das "Beste"

Es sei ihnen gegönnt! Doch was ist das Beste? In Fotografie-Grundkursen gibt es immer den Einen. Den mit der großen Ausrüstung. Den dicken Kameras und den langen Objektiven im Wert eines Kleinwagens. Schon beim Anblick der Ausrüstung sind einige versucht ehrfürchtig auf die Knie zu fallen. Er hatte sicher einen guten Verkäufer, der hat ihm von allem das Beste eingepackt. Und nun sitzt er zwischen als diesen "Amateur-Hobby-Knipsen" und versucht zu verstehen, was all' die Knöpfe an dem schwarzen Kasten bedeuten. So wie alle anderen auch. Denn Technik kann überfordern.
Auch als Hobby-Fotograf macht es Sinn vom Endprodukt her zu denken. Die große Frage ist doch, wo die Fotos nachher landen. Auf der Festplatte, auf nimmer Wiedersehen? Bei facebook, instagram, flickr? Als 4x3m Aludibond an der Wand? Regelmäßig in Ausstellungen?
Auf die Gefahr hin mir Feinde zu machen: oft geht es doch um das Prestige! Und das funktioniert in einer Umwelt, die denkt, dass eine "gute" Kamera "gute" Fotos macht, nur allzu gut. Das hat allerdings auch den Nachteil, dass wir immer auf dem neusten Stand der Technik sein müssen. Denn eine "gute" Kamera von gestern, das ist klar, kann gar nicht so gute Bilder machen, wie das Nachfolgemodell.

Fotografen sind Technik-Nerds

Egal ob Profi oder Amateur, diesen gewissen Hang zur Technik haben fast alle, übrigens nicht nur Männer. Aus meinen Fotokursen weiß ich das. Ich selbst habe ja alle Phasen durchgemacht. Als Hobby-Fotograf wurde meine Tasche immer schwerer, die Ausrüstung wuchs und meine damalige Partnerin witzelte schon, ich würde Kameras sammeln, statt zu fotografieren. Testberichte, Diagramme, Linsenkonstruktionen waren quasi mein zweites zu Hause.
Das änderte sich mit dem Wechsel ins Profi-Lager. Unsere kleine Agentur betreute Internetseiten, sowie Drucksachen für kleine Selbstständige und Bildungseinrichtungen. Von unserer Mediengestalterin lernte ich schnell welche technischen Anforderungen an ein Bild gestellt wurden. Uns reichten damals ganze 4 Megapixel. Kaum zu glauben, oder?  Und keinen Kunden interessierte es mit welcher Kamera oder welchem Objektiv das Bild gemacht wurde. Die Aufgaben, aber auch unser Budget bestimmten die Ausrüstung.

Die Angst nicht alles dabei zu haben

Kennen sie, oder? Spätestens vor dem Urlaub. Wie viel Kilo Handgepäck? Was?! So wenig! Muss ich das 500er-Tele wirklich zu Hause lassen?
Befreien Sie sich davon. In alten Fotobüchern wurden oft Profis gefragt, was sie auf Reisen oder Reportagen mit nehmen. Die Antworten aus analogen Zeiten klingen ernüchternd: "einen Weitwinkel, ein lichtstarkes Normal-Objektiv und ein leichtes Tele für Portraits oder ein Makro-Objektiv."  Das war's. Bei den Meisten. Heute ist Antwort gerne ein 24-70mm/2,8 oder eine Edelkompakte.

Damit wir uns nicht missverstehen

Ich will keinem den Spaß an der neuen Kamera, dem neuen Objektiv, dem Blitz, dem was-auch-immer nehmen. Aber ich möchte das der Spaß an der Fotografie erhalten bleibt. Und ich möchte, dass Sie an ihren Bildern erkannt werden. Investieren Sie nicht nur in ihre Ausrüstung, sondern auch ins Training. Als Dozent frage ich mich oft, warum die Teilnehmer von Grundkursen, in denen es verstärkt um Technik geht, nicht in den Bildgestaltungskursen wieder auftauchen. Entweder bin ich so schrecklich, dass sie alle weglaufen - aber dann wären meine anderen Kurse ja nicht so gut gebucht. Oder sie sitzen doch noch in der Technik-Falle und versuchen stundenlang in Lightroom aus unbefriedigenden Bildern bessere zu machen.
Versuchen Sie lieber "das Richtige", statt "das Beste" zu kaufen. Und gönnen Sie sich Fotokurse oder Lehrbücher, in denen die Dozenten oder Trainer wertvolle Tipps geben.  Bringt mehr.

Darüber reden? facebook-Gruppe "kreativ gesehen"

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